Dietrich Höper: Unter roten Fahnen. Die Revolution der Marinesoldaten
Als in den ersten Novembertagen im Jahr 1918 die »Sturmvögel der Revolution«, die Matrosen der Kriegsmarine, von Kiel heim ins Reich zogen, um die Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten zu initiieren, konnten sie Celle aussparen. Hier war die Revolution zur Überraschung aller, selbst der Arbeiterschaft, längst gediehen. Sie blieb auch Auswärtigen vorbehalten: Marineflieger aus dem sieben Kilometer entfernten Scheuen mußten die alten Gewalten ins Wanken bringen.
In Celle war auch, im Unterschied zu anderen Städten im Reich, die Arbeiterschaft stark unterentwickelt. Es kam nicht wie anderswo im Herbst 1917 und im Frühjahr 1918 zu Protestdemonstrationen oder gar Streiks gegen Hunger und Krieg. Auch die aus der Umgebung rekrutierten Soldaten der in Celles Kasernen lagernden Ersatzbataillone des 77er Infanterieregiments und der 46sten Feldartilleriekompanie wagten keinen Widerspruch.
Lediglich in Scheuen hatten die hochqualifizierten Flieger und Flugtechniker gelegentlich ihren Unmut über die Kriegsführung der Marineleitung gezeigt und mit Befehlsverweigerung reagiert. Sie, meist im Offiziers- oder Unteroffiziersrang, aber als solche vom alten Offizierskorps nicht anerkannt, informierten sich ständig per Direktflug in die Marinehäfen der Nord- und Ostsee über die Lage.
Am Morgen des 7. November 1918 erfuhren die Scheuener Matrosen, daß Infanteristen am Celler Bahnhof Züge aus dem Norden anhalten und nach Matrosen durchsuchen sollten. Um eventuell gefangene Kameraden zu befreien, entsagten sie dem Dienst, besetzten die Bahnhöfe in Celle und Garßen und die strategisch wichtige Allerbrücke. Gegen Mittag war Celle in ihrer Hand. Widerstand gab es weder von der Polizei, noch vom Militär oder von der Bevölkerung.
Noch am gleichen Tage wählten die neuen Herren einen Soldatenrat, schickten Delegierte zu den anderen Truppenteilen der Garnison
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mit der Aufforderung, sich ihnen anzuschließen und beriefen für den Abend eine Soldatenversammlung ein: in der Union, dem größten Saalbau der Stadt. Dort wurden, wie die »Cellesche Zeitung« am nächsten Tag schrieb, von jeder Kompanie »vier Kameraden gewählt«, die »in Gemeinschaft mit Arbeitervertretern einen Arbeiter- und Soldatenrat bilden sollten«.
Geladen war an jenem Abend auch der wichtigste Repräsentant der Celler Arbeiterschaft, der einzige Gewerkschaftssekretär und führender Mehrheitssozialdemokrat Ernst Schädlich. Er hielt die einzige Rede, sprach zwar von der »Notwendigkeit der Veränderung« und dem langfristigen Ziel der »sozialistischen Republik«, schwieg sich aber über den Weg dorthin aus. Schädlichs Bestreben war lediglich, »Blutvergießen, Störung der Verwaltung und des Geschäftslebens zu verhüten.«
In wessen Interesse der Gewerkschafter damit handelte, verriet er erst später, in seinen Erinnerungen »Im Kreuzfeuer der Ereignisse Erlebnisse eines Kommunalpolitikers 1914 - 1948«: der seit Verkündung des Kriegszustandes 1914 militärische Oberbefehlshaber und Garnisonsälteste, Hauptmann Niemann - in Friedenszeiten Direktor des staatlichen Gymnasiums (heute Ernestinum) -, hatte ihn vor der Rede gebeten, doch auf die Soldaten »beruhigend« einzuwirken.
Auch warum die Revolution auf keinen Widerstand gestoßen war gab Schädlich preis: schon am 6. November war der Oberbürgermeister bei dem Arbeitssekretär vorstellig geworden und hatte ahnungsvoll um Rat gefragt. Schädlich gab ihm die Empfehlung, die Polizeikräfte ruhig zu halten. Es gelte, Unruhe in der Stadt zu vermeiden.
Am nächsten Abend, dem 8. November, wurde nun eine Bürgerversammlung einberufen. Auch hier sprach Schädlich und verkündete die in der Nacht zuvor vom Aktionsausschuß erarbeiteten Ziele: Aufhebung des Belagerungs- und Kriegsrechtes, Einführung eines »gleichen Wahlrechtes«. Die Bürger nahmen es hin, trotz Aufforderung kam kein einziger Diskussionsbeitrag. Nur der Hauptmann und der Oberbürgermeister traten auf die Bühne und erklärten sich »zur Zusammenarbeit« bereit.
Am 9. November erreichte die Nachricht aus Berlin von der Abdankung des Kaisers auch Celle. Die »Bremer fliegende Division«, eine Truppe von etwa 100 Matrosen, kehrte kurz in der Herzogstadt ein und ließ aus dem Zuchthaus die politischen Gefangenen frei. Auf beides
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mußte der Arbeiter- und Soldatenrat reagieren. Sein Exekutiv-Ausschuß tagte bis nachts um zwölf, dann verkündeten Oberflugmeister Weber, Landsturmmann Treumann, Heizungsmonteur Müller, Landsturmmann Hirsch, Flugmaat Belzer und Arbeitssekretär Schädlich härtere Töne: Alleinige Kontrolle des Arbeiter- und Soldatenrates über militärische wie polizeiliche Gewalten, die Versorgung der Bevölkerung, Verkehrseinrichtungen und Arbeitsleben. Allgemeiner Zapfenstreich nunmehr um 11, in Scheuen um 12 Uhr. Plünderungen, Unruhestiftungen und Vergewaltigungen würden »standrechtlich abgeurteilt durch Erschießen«; die Offiziere hätten aus ihren Dienststellen auszuscheiden und die Waffen abzugeben. Die Offiziere jedoch, einige hatten in der »Union« gelauscht, dankten freiwillig ab.
Ein Standgericht, eine Sicherheitskompanie und verschiedene Kommissionen wurden gebildet, um die Ernährung der Bevölkerung zu sichern und die von der Front zurückkehrenden Soldaten einzuführen. Um den Ernst der Lage zu verdeutlichen, hißten die Arbeiter und Soldaten auf allen Kasernen und öffentlichen Gebäuden rote Fahnen. Auch über dem Herzogschloß wehte das Symbol der neuen Machthaber; es wurde wenig später zum Standort der Sicherheitskompanie. Celler Chroniken schweigen heute über das Zwischenspiel der »roten Residenz«.
Als neuen Stadtkommandanten wählte der Arbeiter- und Soldatenrat den Maurer und Mehrheitssozialdemokraten Kreike. Über ihn schrieb Schädlich zum 10. Jahrestag der Celler Revolution in der örtlichen SPD-Zeitung: »Nun war Kreike wohl ein treuer und biederer Soldat, ihm fehlte aber das entsprechende Format, das ein Stadtkommandant nun einmal haben muß.« Schädlich hielt denn auch den Landsturmmann Hirsch für »fähiger«. Da Hirsch aber Anhänger der USPD war, erschien er »nicht zuverlässig genug, bei ihm wären unvorhergesehene sprunghafte Entschlüsse nicht ausgeschlossen gewesen.« Damit hatte Schädlich klar die Politik der Mehrheitssozialdemokraten herausgestellt. Es ging ihnen auch nicht darum, den Machtorganen einer von ihnen selbst nicht herbeigeführten Bewegung Wirkung zu verschaffen.
Schädlich schaffte es auch, sich mit 44 Stimmen gegenüber 16 für den Unabhängigen Sozialdemokraten Müller zum Celler Vertreter für den »l. Allgemeinen Kongreß der Arbeiter- und Soldatenräte« auf
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Reichsebene wählen zu lassen, der vom 16. bis 21. Dezember in Berlin tagte.
Ebenso wie im Reich verstand sich die Mehrzahl der Celler Räte nur als Übergangsorgan zum Aufbau eines parlamentarischen, pluralistischen Gesellschaftssystems: der späteren Weimarer Republik. Die Möglichkeit, über ein Rätesystem Formen direkter Demokratie und die Demokratisierung der Wirtschaft herbeizuführen, wie weite Teile der Unabhängigen Sozialdemokraten es forderten, lehnten sie ab. So blieben die alten Machtträger in Kommunalpolitik und Verwaltung im Amt. Man gab sich mit deren vagen Loyalitätsbekundungen zufrieden.
Wie Forderungen des Arbeiter- und Soldatenrates unterlaufen wurden, zeigten die Celler Bank- und Sparkassendirektoren. Ihnen lag am Montagmorgen des 11. November ein Schreiben der Räte auf dem Tisch:
»Die Celler Banken haben am Montag, den 11. Novemberl9l8, ihr Geschäftslokal geschlossen zu halten und die Bankleiter um 10 Uhr vormittags im Geschäftszimmer des A.u.S.-Rates - Union - zu erscheinen. Vor der Bank hat ein Plakat zu hängen: Die Banken bleiben zwecks Überprüfung geschlossen. Der Finanzausschuß des Arbeiter- und Soldatenrates Celle.«*
Dies würde den planmäßigen Ablauf der Geschäfte zu sehr stören und nur Panik verbreiten, fanden die Banker und ließen ihre Institute geöffnet. Der Arbeiter- und Soldatenrat glaubte einer nochmaligen Loyalitätsbeteuerung und nahm es hin.
Er hatte es auch schwer, die Bedeutung der Revolution ins Bewußtsein der Bürger zu bringen. Fast resigniert klingt die Bekanntmachung vom 14. 11. 1918:
»Es ist merkwürdig, daß es in solch bewegter Zeit noch so sehr viele Leute gibt, die nicht über die eigene Nasenspitze sehen können. Die seit einer Woche ununterbrochen Tag und Nacht arbeitenden Mitglieder der Geschäftsleitung des Arbeiter- und Soldatenrats, die sich kaum einige Stunden Schlaf gönnen und nur hier und da einen Bissen Brot im Stehen genießen können, werden fortwährend und von allen Seiten mit unglaublichen Nichtigkeiten aufgehalten und sogar im Geschäftszimmer an der Arbeit gestört. Zur Erläuterung einige Fälle: Ein Mann klagt, daß ihm Haus-
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schuhe verweigert werden; einem anderen sollen wir zu den drei unehelichen Kindern seiner Tochter einen Vater beschaffen; eine Frau ist ganz erstarrt darüber daß sie keine Kaninchenfelle gegerbt bekommen kann, trotzdem doch jetzt Revolution ist.«
Mit dem Eintreffen der Stammformation der Celler Garnison am 3. und 4. Dezember wurde die Situation noch schwieriger. Zwar waren die Offiziere der Ersatzbataillone ausgeschieden, nicht aber die Offiziere der von der Front zurückkehrenden Truppen. Deren Kommandeur - nach altem Kriegsrecht wäre er Garnisonsältester - hatte für Stadtkommandant Kreike nur Spott übrig: »Ich erkenne Sie nicht an.«
Erst nach mehrtägigen Verhandlungen wurde ein Kompromiß gefunden: Stadtkommandant und Kommandeur teilten sich militärische wie zivile Gewalt. Der Offizier mußte auf diesen Handel eingehen, weil er nicht mehr von allen seiner Soldaten anerkannt wurde. Die von der Westfront heimgekehrten Soldaten wurden jedoch zum entscheidenden Faktor des Machtverlustes der neu gebildeten Räte: sie versagten ihre Solidarität - in Celle wie im Reich.
In der zweiten Phase der Revolution, den ersten Monaten des Jahres 1919, schränkten die ständig neuen Erlasse der Reichsregierung - die von den alten Militärgewalten unterstützt wurde - ebenso wie die zunehmend klüger agierenden Verwaltungen den Handlungsspielraum der Räte weiter ein. Entsprechend nahmen auch die Aktivitäten des Celler Arbeiter- und Soldatenrates ab.
Am 2. März 1919 läuteten die Kommunalwahlen das Ende ein: Das Bürgerschaftskollegium und der Magistrat übernahmen jetzt die Kontrolle. Die neuen Senatoren und Bürgervorsteher rekrutierten sich zu einem Drittel aus den ehemaligen Arbeitervertretern. Im Juni 1919, mit der vollständigen Demobilisierung, hörte der Soldatenrat auf zu bestehen. Der Arbeiterrat fungierte noch ein paar Monate allein als überbetriebliches Vertretungsorgan der Celler Arbeiter und Angestellten.
Doch hatte die Novemberrevolution der Marineflieger der Celler Arbeiterschaft mit ihren Gewerkschaftsorganisationen und Parteien ein neues Selbstbewußtsein verschafft. Als im Sommer 1919 Teile des
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Bürgertums mit Hilfe des Freicorps »Bataillon Kirchheim« die Machtverhältnisse der Kriegs- und Vorkriegszeit wieder herstellen wollten, wehrten sich die Celler Arbeiter ebenso erfolgreich mit einem Generalstreik wie im März 1920, als sie die junge Republik beim Kapp-Lüttwitz-Putsch verteidigten.
Aus: Holtfort, Werner / Kandel, Norbert / Köppen, Wilfried / Vultejus, Ulrich (Hg.) (1982): Hinter den Fassaden. Geschichten aus einer deutschen Stadt. Göttingen, S. 231-236.